Die verheerenden Folgen von Krieg für Kinder mit Autismus bleiben unerkannt und unbehandelt

Krieg tötet nicht nur Menschen und zerstört nicht nur Häuser und Infrastruktur – er zerschlägt auch die zerbrechliche innere Welt von Kindern mit Autismus. Autistische Kinder brauchen in besonderem Maß feste Routinen, vorhersehbare Abläufe und sensorische Stabilität. Sie leiden unter den chaotischen Bedingungen von Bomben, Sirenen, Flucht und dem Zusammenbruch von Hilfsangeboten besonders stark.

Studien belegen eine erhöhte Anfälligkeit für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS), Rückganz in der Entwicklung und massive Belastungen für die Eltern. Erfahrungsberichte aus der Ukraine, Gaza und Syrien zeichnen ein dramatisches Bild: Viele Kinder verlieren mühsam erworbene Fähigkeiten, zeigen gesteigerte Ängste oder aggressive Verhaltensweisen – und bleiben oft unsichtbar für die Hilfsorganisationen. (psychologytoday.com)

Eine der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema stammt aus Israel nach dem Ereignissen am 7. Oktober 2023. Die Studie von Rozenblat et al. (2024), die erste ihrer Art, untersuchte innerhalb von 30 Tagen nach dem Vorfall 57 Eltern autistischer Kinder (Alter 3–17 Jahre) und verglich sie mit 35 Eltern nicht-autistischer Kinder sowie einer Vor-Krisen-Studiengruppe autistischer Familien. Beide Gruppen zeigten klinisch signifikante PTBS-Symptome (gemessen mit dem Child and Adolescent Trauma Screen – CATS), doch autistische Kinder wiesen deutlich stärkere Ausprägungen auf – vor allem Vorschulkinder (Mittelwert 29,5 vs. 23,3 bei Nicht-Autisten; Effektstärke d=0,72).

Die Eltern autistischer Kinder berichteten zudem von extrem hohen Werten für Depression, Angst und Stress – zwei- bis viermal höher als in einer unabhängigen Vorkriegsstudie des Azrieli National Centre for Autism and Neurodevelopment Research. Die Mehrheit der Befragten erreichte „extrem schwere“ Werte. Die Forscher führen dies auf die Kernmerkmale des Autismus zurück: die Abhängigkeit von Routinen und Vorhersehbarkeit, die im Krieg vollständig zerbrechen. (onlinelibrary.wiley.com)

Eine Folgestudie (Shaked-Ashkenazi et al., 2025) bestätigt diese Befunde: Autistische Kinder zeigten nach dem Krieg eine stärkere Verschärfung von Ängsten, insbesondere vor körperlichen Verletzungen, Panikattacken und Platzangst – trotz vergleichbarer oder sogar geringerer direkter Exposition zu traumatischen Ereignissen. (sciencedirect.com)

Ähnlich wirkt sich der Krieg in der Ukraine aus. Schätzungen gehen von rund 440.000 autistischen Kindern im Land aus; über 100.000 von ihnen sind durch den Kriegsbeginn seit 2022 vertrieben. Die ständigen Luftalarme und Explosionen führen zu sensorischer Überlastung. Viele Kinder verweigern das Verlassen von Bunkern, zeigen Sprachverlust oder erhöhtes Stimming (wiederholende Bewegungen). In einem Bericht des Disability Rights International (DRI) schildern Eltern, dass Therapien und Rehabilitationsangebote von 80 Prozent vor dem Krieg auf unter 50 Prozent gesunken sind. Psychologische Unterstützung fehlt fast vollständig.

In Gaza verschärft die langanhaltende Bombardierung und Vertreibung die Situation zusätzlich. Familien berichten von Kindern, die bei Explosionen panisch werden, sich Haare ausreßen und in Zelten unter extremen Bedingungen wie Hitze, Enge und bei fehlenden Medikamenten kaum noch schlafen. Frühere Therapiezentren sind zerstört, Routinen wie Schulbesuch oder Spielzeiten existieren nicht mehr. Viele Kinder zeigen neben dem Rückbau von Sprachfähigkeiten gesteigertes selbstverletzende Verhakten oder Rückzugstendenzen. Die regionale Blockade erschwert den Zugang zu Medikamenten und Hilfsmitteln dramatisch. (aljazeera.com)

Auch in Syrien, wo der Krieg seit 2011 stattfindet, werden autistische Kinder „vergessen“. Es fehlt an Daten – Schätzungen sprechen von Zehntausenden Betroffenen unter den Millionen Vertriebenen. Spezialisten flohen, Medikamente fehlen, Schulen wurden geschlossen. Ein Vater aus Aleppo berichtete, dass sein schwer autistischer Sohn nach dem Abbruch der Therapie massiv verschlechtert sei: Er versteht Notfallanweisungen nicht und reagiert mit Rückzug oder Gewalt. In Flüchtlingslagern fehlen inklusive Programme; viele Kinder verlieren drei Jahre oder mehr an Bildung und Förderung. (omicsonline.org)

Allgemein verstärken Krieg und Flucht die Verletzlichkeit autistischer Kinder durch mehrere Faktoren: Sensorische Überreizung (Sirenen, Lärm, Enge), Verlust von Struktur (keine festen Mahlzeiten, Therapien oder Schlafrituale), Unterbrechung medizinischer Versorgung und soziale Isolation. Die UNICEF-Diskussionspapier zu Kindern mit Behinderungen in bewaffneten Konflikten betont, dass diese Gruppe höhere Risiken für Gewalt, Vernachlässigung und sekundäre Behinderungen trägt – neurodivergente Kinder wie autistische fallen oft durch das Raster der Hilfsmaßnahmen. Langfristig drohen chronische PTBS, Entwicklungsverzögerungen und generationenübergreifende Traumata. (unicef.org)

Eltern tragen eine doppelte Last: Sie müssen nicht nur ihre eigenen Traumata bewältigen, sondern auch die gesteigerten Bedürfnisse ihrer Kinder – und das in einem Umfeld ohne Unterstützungsnetz. Viele berichten von Erschöpfung, Schuldgefühlen und fehkender psychologischer Unterstützung.

Die Folgen sind nicht nur humanitär, sondern gesellschaftlich: Ohne gezielte Interventionen drohen Tausende Kinder langfristig aus Bildung und Teilhabe ausgeschlossen zu bleiben. Experten wie Dr. Judah Koller fordern daher maßgeschneiderte Programme – von trauma-sensiblen Therapien über mobile Förderzentren bis hin zu inklusiven Evakuierungsplänen. Internationale Organisationen wie UNICEF, Autism Europe und lokale Initiativen (z. B. „Child with Future“ in der Ukraine) leisten bereits wertvolle Arbeit, doch die Mittel reichen bei Weitem nicht.