Autismus-Symptome bei Zwillingen gemindert: Fallstudie weckt Hoffnung auf Reduktion der Symptome durch Lebensstil-Änderungen

Die Webseite Zentrum-der-Gesundheit.de stellt einen Fallbericht von zweieiigen autistischen Zwillingen vor. Der angewendete ganzheitliche Ansatz soll zu einer deutlichen Besserung der Symptome geführt haben. Das bedeutet nicht, dass Autismus heilbar ist, es ist ledigkich ein Einzelfallbericht über die Vorgehensweise der betreffenden Eltern und könnte als anderen Eltern als Orientierung und der Forschung als Studienauftrag dienen.

Eine im Juni 2024 veröffentlichte Fallstudie in der Fachzeitschrift Journal of Personalized Medicine berichtet von einer außergewöhnlichen Verbesserung bei zweieiigen Zwillingsschwestern mit schwerem Autismus. Die Symptome der Mädchen besserten sich so stark, dass die Autoren von einer „Umkehrung“ (Reversal) der Diagnose sprechen – erreicht vor allem durch gezielte Veränderungen von Ernährung, Lebensstil und Umweltfaktoren.

Die Studie mit dem Titel „Reversal of Autism Symptoms among Dizygotic Twins through a Personalized Lifestyle and Environmental Modification Approach: A Case Report and Review of the Literature“ beschreibt den Fall zweier weiblicher dizygoter (zweieiiger) Zwillinge, die im Alter von etwa 20 Monaten die Diagnose „Autismus-Spektrum-Störung Level 3“ („requiring very substantial support“) erhielten. Die Kinder zeigten klassische Symptome: stark eingeschränkte verbale und non-verbale Kommunikation, repetitive Verhaltensweisen, Starre bei Veränderungen sowie ausgeprägte Magen-Darm-Beschwerden.

Eine elterngeführte, multidisziplinäre Therapie wurde individuell auf die Symptome, Laborwerte und Bedürfnisse der Zwillinge abgestimmt. Im Mittelpunkt standen modifizierbare Umwelt- und Lebensstilfaktoren statt reiner Verhaltenstherapie oder Medikamente. Zu den Maßnahmen gehörten eine gluten-, kasein- und glutamatarme Ernährung, gezielte Nahrungsergänzungsmittel (u. a. Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Carnitin, 5-MTHF), Verhaltenstherapie (ABA), Sprachtherapie und Ergotherapie mit neuro-sensorischer Reflexintegration, eine umfassende Umweltuntersuchung (Luftqualität, Schimmelbelastung) und bei einem Kind zusätzlich kraniale Osteopathie und eine DNA-gestützte Präzisionsmedizin (IntellxxDNA).

Die Fortschritte wurden mit dem Autism Treatment Evaluation Checklist (ATEC) gemessen – einem standardisierten Instrument zur Bewertung von Autismus-Symptomen. Bei einem Zwilling sank der Score von 76 auf 32, beim anderen von 43 auf 4. Die Werte blieben über sechs Monate stabil. Die Kinder zeigten deutliche Verbesserungen in Augenkontakt, Sprache, Aufmerksamkeit, sozialer Interaktion und Alltagsfunktionen. Eine erneute ADOS-2-Untersuchung (Autism Diagnostic Observation Schedule) bestätigte die Reduktion sensorischer Auffälligkeiten und eine bessere Verhaltensregulation. Ein Kind erreichte sogar Werte, die mit neurotypischen Gleichaltrigen vergleichbar sind.

Die Autoren um Christopher R. D’Adamo (University of Maryland School of Medicine und Documenting Hope) sowie Kolleginnen von Documenting Hope interpretieren die Ergebnisse als Beleg dafür, dass Autismus-Symptome bei manchen Kindern durch die Reduktion von Umweltbelastungen und die Optimierung des „allostatischen Loads“ (gesamte Stressbelastung des Körpers) deutlich gelindert oder sogar rückgängig gemacht werden können. Die Studie enthält zudem eine Literaturübersicht zu Umweltfaktoren und biomedizinischen Ansätzen bei Autismus.

Die Autoren betonen selbst die Grenzen der Studie: Es handelt sich um einen Einzelfallbericht mit zwei Teilnehmern, keine randomisierte kontrollierte Studie. Kausale Zusammenhänge lassen sich nicht zweifelsfrei beweisen, und nicht jede Intervention lässt sich isoliert bewerten. Zudem war das Programm aufwändig, teuer und erfordert Zugang zu spezialisierten Therapeuten und hochwertigen Lebensmitteln – Faktoren, die nicht für alle Familien erreichbar sind.

Experten außerhalb der Studie mahnen zur Vorsicht. Eine Reuters-Faktencheck vom August 2024 stellt klar, dass die Arbeit keine „Heilung“ oder generelle Reversibilität von Autismus belegt. Die Verbesserungen betreffen vor allem ein Symptomcluster; eine vollständige Diagnose-Umkehrung sei bei nur zwei Kindern nicht ableitbar. Dennoch wird die Arbeit in Fachkreisen als weiteres Indiz gewertet, dass Umweltfaktoren neben der genetischen Veranlagung eine größere Rolle spielen könnten, als lange angenommen.

Link zur Studie:
open access unter DOI 10.3390/jpm14060641
https://www.mdpi.com/2075-4426/14/6/641