Aufgrund der anhaltend schlechten Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Autismus in Bayern hat der Verein Autismus Mittelfranken e.V. einen Brandbrief an Politik und Verantwortliche gerichtet. Die Lage sei zunehmend prekär. „Das System droht zu kollabieren“, heißt es in dem Schreiben – und das, obwohl Bayern bereits über eine umfangreich ausgearbeitete Autismusstrategie verfügt.
Mit einem ungewöhnlich scharfen Hilferuf wendet sich der Verein an die bayerische Politik. In dem fünfseitigen „Brandbrief“ vom November 2025 beschreiben die Vorsitzenden Alexander Geist und Lilli Schenke eine dramatische Notlage autistischer Menschen und ihrer Angehörigen – trotz der bereits beschlossenen bayerischen Autismusstrategie.„Wir haben jahrelang ehrenamtlich an der Umsetzung dieser Strategie mitgearbeitet“, erklären die Autoren. „Doch die vereinbarten Maßnahmen werden aus finanziellen und politischen Gründen nicht oder nur unzureichend umgesetzt.“ Das Ergebnis sei eine systemische Krise, die fast alle Lebensbereiche betreffe.
Mehrjährige Wartezeiten und überlastete Familien
Besonders dramatisch ist die Situation bei der Diagnostik: In Nordbayern ist eine Autismuss-Diagnose für Erwachsene „fast unmöglich“. Die Wartezeiten auf Therapieplätze in Autismus-Ambulanzen betragen drei bis vier Jahre. Logopädie, Ergotherapie und autismusspezifische Förderung sind kaum zu bekommen. Hilfsmittel wie Reha-Buggys oder Kommunikationsgeräte (Talker) werden häufig abgelehnt oder stark gekürzt.Im Bildungsbereich fehlt es massiv an Kita- und Schulplätzen.
Viele Familien müssen weite Strecken in Kauf nehmen oder auf Schulbegleitungen verzichten – mit der Folge, dass Eltern ihren Job aufgeben und auf Bürgergeld angewiesen sind. Auch bei Wohnen und Pflege sieht der Verein dramatische Engpässe: jahrelange Wartezeiten auf betreute Plätze, Kündigungen bestehender Wohnangebote und Blockaden bei eigenen Wohnprojekten.
Besonders belastend ist die Lage beim Autismus-Kompetenz-Zentrum Mittelfranken. Bis Ende Oktober 2025 wurden bereits 1.542 Personen in 1.782 Beratungsgesprächen betreut – mehr als im gesamten Vorjahr. Die Wartezeit beträgt derzeit drei Monate. Ein Antrag auf 3,5 zusätzliche Vollzeitstellen wurde abgelehnt.
Folgen: Burnout, Trennungen und gesellschaftliche Ausgrenzung
Die Folgen für die betroffenen Familien sind verheerend: Burnout, Depressionen, Trennungen und Jobverluste. „Viele Eltern stehen kurz vor dem Zusammenbruch“, schreiben Geist und Schenke. Gleichzeitig nehme die gesellschaftliche Ausgrenzung autistischer Menschen weiter zu.Der Verein kritisiert zudem die hohe Bürokratie: Anträge und Widersprüche würden von unzureichend geschulten Sachbearbeitern bearbeitet, der Pflegegrad 1 sei gestrichen worden und Kur- sowie Reha-Plätze würden zurückgefahren.
Notstand trotz „Autismusstrategie Bayern“
Dieser Brandbrief zeigt vor allem auch auf, dass die Autismusstrategie Bayern – obwohl sie mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert und unter breiter Beteiligung von Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten erarbeitet wurde – die Lage bislang nicht verbessert hat. Trotz des bundesweit als Pionierprojekt gefeierten Strategiepapiers von 2023 bleiben die vereinbarten Maßnahmen aus finanziellen und politischen Gründen weitgehend auf dem Papier: Diagnostik, Therapieplätze und Unterstützungsangebote werden nicht ausgebaut, während die Wartezeiten explodieren und Familien an ihre Grenzen stoßen.
Sofortmaßnahmen gefordert
Der Verein fordert konkrete Sofortmaßnahmen: die vollständige und ausreichend finanzierte Umsetzung der bayerischen Autismusstrategie, den Ausbau von Diagnostik- und Therapieplätzen, den Abbau von Bürokratie sowie zusätzliche Schritte gegen den akuten Personalmangel in Pflege und Therapie. Er appelliert eindringlich an das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit, Familie und Soziales sowie an den Bezirk Mittelfranken, endlich in einen konstruktiven Dialog zu treten – „bevor die Situation weiter eskaliert“.
Der Hilferuf des Vereins Autismus Mittelfranken macht damit deutlich, dass eine Strategie ohne ausreichende Finanzierung und konsequente Umsetzung wirkungslos bleibt. Bislang gab es weder vom Ministerium noch vom Bezirk eine öffentliche Stellungnahme zu dem Schreiben. Anzumerken ist auch, dass sich die Versorgungssituation für Menschen mit Autismus in anderen Bundesländern ebenso schlecht darstellt.
Link zum Brandbrief:
https://www.autismus-mfr.de/wp-content/uploads/2025/11/Brandbrief-Verein-Autismus-Mittelfranken-November-2025.pdf