Am 20. Oktober 2025 wird bundesweit der zweite Tag der nicht sichtbaren Behinderungen begangen. Der Aktionstag, initiiert vom Verein gemeinsam zusammen e.V., macht auf Millionen Menschen aufmerksam, deren Behinderungen oder Erkrankungen für Außenstehende nicht erkennbar sind – und dennoch massive Barrieren im Alltag schaffen. Statt sichtbarer Hindernisse wie Treppen oder fehlender Rampen geht es um sensorische Überlastung, kommunikative Hürden und strukturelle Versorgungslücken. Der Tag soll diese „unsichtbaren Barrieren“ als dritte Dimension der Barrierefreiheit sichtbar machen – neben den bereits etablierten mobilen und taktilen Standards.
Aus der kleinen Initiative ist eine wachsende Bewegung entstanden
Was 2024 als Initiative eines kleinen Vereins begann, hat sich innerhalb eines Jahres zu einem breiten Netzwerk entwickelt. Beteiligt sind unter anderem das Nationale Suizidpräventionsprogramm (NaSPro), #Liegenddemo, FASD Deutschland, ADHS Deutschland, die Deutsche DepressionsLiga, Aspies e. V., Communities That Care (CTC), die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) sowie zahlreiche Selbsthilfegruppen, Unternehmen, Kommunen, Schulen, Kliniken und Kirchen. Selbst ein Medienhaus führt interne Aufklärungsveranstaltungen durch.Bundesweit finden Vorträge, Infostände, Kirchenkonzerte, Schulaktionen, „Stille Stunden“ im Einzelhandel und ein Aktionsspieltag bei Hannover 96 statt.
Für betroffene Menschen, die das Haus nicht verlassen können, gibt es eine Online-Demo unter den Hashtags #wirsindviele #dubistnichtallein #28leben mit Livestream.Was sind nicht sichtbare Behinderungen?Dazu zählen neurodivergente Profile wie Autismus, ADHS oder FASD (Fetale Alkoholspektrumstörung), chronische Erkrankungen wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome), Rheuma, Endometriose oder Mastozytose, psychische Erkrankungen wie Depressionen, PTBS oder Zwangsstörungen sowie sensorische Beeinträchtigungen wie Tinnitus oder bestimmte Seh- und Hörbehinderungen.
Einschränkungen sind nicht auf den ersten Blick erkennbar, verändern aber Lebensläufe, Arbeitsfähigkeit, Bildungschancen und soziale Teilhabe massiv. Betroffene stoßen täglich auf unsichtbare Barrieren – etwa akustische Überlastung im Klassenzimmer, grelles Licht in Kliniken, soziale Überforderung in Teamsitzungen oder Missverständnisse in Behörden. Diese Barrieren wirken kumulativ: Sie führen zu Rückzug, Isolation, sekundären Erkrankungen und – viel zu oft – Suizid.
Alamierende Fakten zu den Folgen ungesehener Barrieren
Die Fakten sind alarmierend: Suizid ist bei 10- bis 25-Jährigen die häufigste Todesursache – noch vor Verkehrsunfällen und Krebs; bei Autismus liegt das Suizidrisiko 9- bis 10-fach höher; etwa 10 % aller Suizide betreffen autistische Menschen; Bei ME/CFS enden 27 % aller Todesfälle suizidal; Bei FASD beträgt die mittlere Lebenserwartung nur 34 Jahre; 15 % sterben durch Suizid; Psychotherapie: Es fehlen rund 7.000 Kassensitze, die Wartezeit beträgt durchschnittlich 20–26 Wochen.
Hinzu kommen massive Versorgungslücken: 90 % der Fachärzt:innen in NRW haben keine Zusatzqualifikation für Neurodivergenz. Die ICD-11 der WHO, die geschlechtersensible Diagnosekriterien und differenzierte Kategorien enthält, wird in Deutschland frühestens 2027 eingeführt – obwohl Länder wie Kanada, Niederlande, Norwegen oder Finnland sie bereits nutzen. Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) wird in nur 41 % der Gebietskörperschaften systematisch umgesetzt.
Sozioökonomische Folgen: 149 Milliarden Euro Kosten jährlich
Allein psychische Erkrankungen verursachen in Deutschland volkswirtschaftliche Kosten von rund 149 Milliarden Euro pro Jahr – fast so viel wie der gesamte Bundeshaushalt für Arbeit und Soziales (179 Milliarden Euro). Davon entfallen etwa 45 Milliarden auf direkte Behandlungskosten, 40–45 Milliarden auf Produktivitätsverluste und weitere Milliarden auf Frühverrentungen (42 % aller Erwerbsminderungsrenten gehen auf psychische Störungen zurück).
Bei autistischen Menschen liegen die Gesundheitskosten über 100 % höher, ohne messbare Versorgungswirkung.„Es ist ein Kostenkreislauf, der sich aus der mangelnden Systemintegration speist – und der zugleich Arbeitskraft, Produktivität und Lebensqualität entzieht“, erklärt Rebecca Lefèvre, Initiatorin des Projekts „Stille Stunde“, Autistin mit ADHS und Mastozytose sowie Sprecherin der AG Neurodivergenz im NaSPro.
Lösungen: Interministerielle Strategie und Sichtbarkeit
Der Verein fordert eine interministerielle Taskforce, die Gesundheit, Bildung, Arbeit, Soziales, Justiz und Finanzen zusammenbringt. Konkrete Forderungen einer Petition Gefordert wird die sofortige Schaffung zusätzlicher Psychotherapie-Kassensitze, nationale Standards zum Abbau unsichtbarer Barrieren, die unverzügliche Einführung der ICD-11 und eine nationale Strategie mit Budget, Monitoring und Betroffenenbeteiligung.
Zentrale Symbolprojekte sind ein eigener Ausweis für Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen (10.000 Muster wurden an alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte verschickt) sowie ein neues Zeichen (halb Hirn, halb Herz), das Wissen und Verständnis symbolisiert. In Großbritannien existiert bereits das Sonnenblumen-Symbol – doch es ist urheberrechtlich geschützt.
Dr. Tanja Machalet (Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag) betont: „Gerade junge Menschen und Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen sind besonders suizidgefährdet. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft hinschauen und Hilfen leichter zugänglich machen.“
Jürgen Dusel (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen) ergänzt: „Menschen mit nicht sichtbaren Behinderungen haben es in Deutschland besonders schwer, auf ihre Belange aufmerksam zu machen und ihr Recht auf Teilhabe […] zu verwirklichen.“