Studie: ADHS-Medikamente stimulieren nicht die Aufmerksamkeit – sie machen wach

Eine neue Studie aus den USA stellt die bisherige Annahme zur Wirkungsweise von ADHS-Stimulantien infrage. Medikamente wie Methylphenidat oder Amphetamine, die seit Jahrzehnten zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) eingesetzt werden, wirken offenbar nicht primär auf die Aufmerksamkeitszentren des Gehirns, wie lange angenommen. Stattdessen aktivieren sie vor allem Netzwerke für Wachheit (Arousal) und Belohnungserwartung. Zu diesem Ergebnis kommt eine am 24. Dezember 2025 in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichte Studie der Washington University School of Medicine (WashU Medicine) in St. Louis.

Die Untersuchung basiert auf der Auswertung von Ruhe-zustands-fMRT-Daten aus der großen US-amerikanischen Adolescent Brain Cognitive Development (ABCD) Study. Analysiert wurden Scans von 5.795 Kindern im Alter von 8 bis 11 Jahren, die an dem langfristigen, multizentrischen Projekt mit über 11.000 teilnehmenden Kindern beteiligt waren. Verglichen wurden Kinder, die am Tag der Untersuchung verschriebene Stimulanzien eingenommen hatten, mit solchen, die keine Medikation erhalten hatten. Die Beobachtungen wurden zusätzlich in einem Kontrollexperiment mit fünf gesunden Erwachsenen ohne ADHS validiert: Diese wurden vor und nach der Einnahme einer Dosis Stimulans (Methylphenidat 40 mg) gescannt.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Bei Kindern, die Stimulanzien genommen hatten, zeigte sich im Vergleich zu nicht-medikamentierten Kindern eine verstärkte funktionelle Konnektivität in Hirnregionen, die mit Wachheit sowie mit der Vorhersage von Belohnungswert (reward valuation) zusammenhängen – etwa in sensorimotorischen und Salienz-Netzwerken. Klassische Aufmerksamkeitsnetzwerke (z. B. das dorsale Aufmerksamkeitsnetzwerk) wurden hingegen nicht signifikant beeinflusst.

Die medikamentierten Kinder mit ADHS erzielten bessere schulische Noten (laut Elternangaben) und schnitten bei kognitiven Tests der ABCD-Studie besser ab. Der größte Nutzen zeigte sich bei Kindern mit schwererem ADHS. Die Hirnaktivierungsmuster ähnelten denen nach ausreichendem Schlaf und kehrten Effekte von Schlafmangel um: Kinder mit weniger als den empfohlenen neun Stunden Schlaf pro Nacht, die ein Stimulans einnahmen, hatten bessere Noten als nicht-medikamentierte Kinder mit Schlafmangel. Bei neurotypischen Kindern mit ausreichendem Schlaf brachte die Medikation hingegen keine Leistungssteigerung.

Neue Erklärung für therapeutische Effekte

„Wir haben immer gelehrt, dass Stimulanzien die Aufmerksamkeitssysteme fördern und den Menschen mehr willentliche Kontrolle über ihre Aufmerksamkeit geben“, wird Benjamin Kay zitiert. „Aber wir haben gezeigt, dass das nicht der Fall ist. Die beobachtete Verbesserung der Aufmerksamkeit ist eine sekundäre Folge davon, dass das Kind wacher ist und Aufgaben als belohnender empfindet, was ihm natürlich hilft, sich besser darauf zu konzentrieren.“
Nico Dosenbach ergänzt: „Im Wesentlichen haben wir festgestellt, dass Stimulanzien unser Gehirn vorab belohnen und uns ermöglichen, bei Dingen zu bleiben, die normalerweise nicht unser Interesse wecken – wie zum Beispiel der unbeliebteste Schulfach.“ Die Medikamente erklären damit auch die Wirkung auf Hyperaktivität: Unbelohnende Aufgaben führen sonst zu Unruhe, weil Kinder nach stimulierenderen Reizen suchen; unter Stimulanzien bleiben sie eher sitzen.

Schlafprobleme bei Kindern mit ADHS abklären

Die Autoren betonen die Bedeutung ausreichenden Schlafs bei der ADHS-Diagnose und -Behandlung. Schlafmangel könne ADHS-ähnliche Symptome wie Konzentrationsstörungen und schlechtere Noten hervorrufen und führe in manchen Fällen zu Fehldiagnosen. Stimulanzien könnten zwar kurzfristig Schlafmangel-Effekte ausgleichen, das zugrunde liegende Problem jedoch nicht beheben und langfristig Risiken bergen.

Die Ergebnisse liefern erstmals auf Basis großer Kohortendaten und einer Präzisions-Imaging-Studie eine alternative Erklärung für die seit 1937 bekannte klinische Wirksamkeit von Stimulanzien bei ADHS. Ob die Befunde die Verschreibungspraxis oder Leitlinien verändern werden, bleibt abzuwarten; die Autoren raten jedoch, Schlafprobleme bei ADHS-Patienten stärker zu berücksichtigen.

Link zur Studie:
https://medicine.washu.edu/news/stimulant-adhd-medications-work-differently-than-thought/